Ritual der schwarzen Sonne

Ich bin dafür, daß man die okkulte Magie eines Landes freilegt, was nichts ge-mein hat mit der selbstsüchtigen Menschheit, … die den Schatten nicht sieht, der auf sie fällt.
Ich bin auf der Suche nach dem Unmöglichen. Wir werden sehen, ob ich es trotzdem finde… Ich muß etwas Kostbares finden, wenn ich es in der Hand habe, werde ich automatisch das wahre Drama verwirklichen, das ich machen muß, diesmal mit der Gewißheit, daß es mir gelingt. Es handelt sich vielleicht nicht um Theater auf der Bühne.

Antonin Artaud beschreibt so seine Reise zu den Tarahumara-Indianern l936. Es wird eine Reise ohne Ankunft und Wiederkehr sein.

Ritual der schwarzen Sonne

Im Norden Mexicos, achtundvierzig Stunden von Mexico-Stadt entfernt, gibt es eine reinblütige indianische Rasse, die Tarahumaras. Da leben vierzigtausend Menschen in einem Zustand wie vor der Sintflut.- Sie stellen eine Herausforderung dar für diese Welt.

Am Tanz der Matachines kann ein ganzes Dorf teilnehmen; aber es gibt in allen Phasen des Tanzes einen König. Und die Könige ..lösen einander ab. Jeder tanzt seiner Stimmung gemäß.

Die Könige des Tanzes tragen eine Spiegelkrone … und einen großen rechteckigen Umhang über der Schulter. Sie haben auch besondere Hosen an, die etwas un¬terhalb der Knie in ein Dreieck auslaufen.

An diesem Tag gab es nur einen einzigen Musiker; er saß auf dem Boden und spielte Geige. Doch das vollzählige Orchester bestand aus eine Gitarre, einer kleinen Trommel, Glöckchen und Eisenstäben. Die kleine Trommel ist ein Musikinstrument, das im Krieg verwendet wird; ihr Klang hallt von Gipfel zu Gipfel.

Die Tänzer sind in zwei Gruppen aufgeteilt, und jeder einzelne, einer nach dem andern, zeigt dem Vortänzer sein Gesicht…, dann dreht er sich wieder in die entgegengesetzte Richtung. Wenn der Vortänzer alle Tänzer umkreist hat, kehrt er stampfend auf seinen Platz zurück. Und eine Phase des Tanzes ist zu Ende. Doch andere schließen sich an, und das Toben nimmt wieder zu und dauert eine ganze Nacht, vom Augenblick, wo die Sonne untergeht, bis zur Morgenröte, ohne daß die Tänzer jemals müde würden.

Don Lupe, der Sohn des damaligen Dorfvorstehers, erzählt, er habe vor mehr als sechzig Jahren Artaud als Führer gedient und ihn in die Berge zum Schamanen Glorio gebracht. Er wolle sich noch einmal auf die beschwerliche Reise von damals machen.

Diese Rasse wehrt sich seit vierhundert Jahren gegen alles, was ihr gefährlich werden könnte, gegen die Zivilisation, die Vermischung mit anderen Rassen, den Krieg, den Winter, die wilden Tiere, die Stürme und den Wald. Im Winter lebt sie nackt in ihrem vom Schnee blockierten Gebirge.

Mein Führer, ein Mestize, der mir bei den Tarahumaras als Dolmetscher diente, hatte mir den Wink gegeben, ich solle mich bei ihnen über Hikuri, den Gott des Peyote, nur vorsichtig und ehrfurchtsvoll äußern, weil sie, sagte er, Angst davor haben. Ich sagte ihm , ich sei nicht aus Neugierde zu den Tarahumaras ge-kommen, sondern um eine Wahrheit wiederzufinden, die den Menschen in Europa entgeht und die ihre Rasse bewahrt hatte.

Hingegen kommt es darauf an, daß die Sensibilität durch zuverlässige Mittel in den Stand vertiefter und verfeinerter Wahrnehmungsfähigkeit versetzt wird; dies nämlich ist der Inhalt der Magie und der Riten, deren bloßer Abglanz das Theater ist..

Mein Pferd hatte irgendwie Angst weiterzugehen.- Auf den Hängen des Gebirges rundherum hatte ich ein seltsames Hin und Her von Indianern beob-achtet, die auftauchten und wieder verschwanden. Man sah zwei, drei über einen Felsen äugen, worauf sie sich seltsam zurückzogen, wie wenn sie mit mir Verstecken spielen wollten. – Ich fragte meinen Führer, was das zu bedeuten habe; zuerst zuckte er die Achseln, dann ließ er den Kopf hängen und brachte kein Wort heraus.

Sie tanzen zum Klang einer kindlichen, raffinierten Musik, die nichts ist für eu-ropäische Ohren: man hört scheinbar immer den gleichen, immer im selben Rhythmus skandierten Ton; doch mit der Zeit wecken diese stets identischen Töne und dieser Rhythmus in uns etwas wie eine Erinnerung an einen großen Mythos; sie beschwören das Bewußtsein einer geheimnisvollen, verwickelten Geschichte.

Ich hatte diese unüberwindliche Feindseligkeit der Organe, als ich nicht mehr weiter wollte, nicht mit dem Geist besiegt, um dann eine Sammlung antiquierter Bilderbögen nach Hause zu tragen. Von nun an mußte dieses Etwas, das hinter dieser lastenden Zermalmung begraben war und die Morgenröte der Nacht gleichmacht, mußte dieses Etwas ans Licht geholt werden und zu etwas dienen.

Wenn ich sehe, wie sie unbeirrt ihren Weg entlang ziehen, durch Wildbäche, über absackenden Erdboden, durch dichtes Unterholz, über
Felstreppen und senkrechte Wände, drängt sich mir der Gedanke auf, daß sie noch über die natürliche Schwerkraft der ersten Menschen verfügen.

Auf den ersten Blick ist das Land der Tarahumaras unzugänglich. Kaum ein paar unkenntliche Trampelpfade, die alle zwanzig Meter vom Erdboden ver-schluckt zu werden scheinen. Wenn man kein roter Mann ist, muß man halt ma-chen, sobald die Nacht hereingebrochen ist. Denn nur ein roter Mann kann dann noch erkennen, wo man den Fuß hinsetzen darf.

Ich weiß, daß ich da oben, über Landschaften, die sich kilometerlang fast endlos unter mir ausbreiteten, empfunden habe, wie ungewöhnliche Reminiszenzen und Bilder, von denen ich bei meinem Aufbruch keine Ahnung gehabt hatte, in mir aufbrodelten.

Warum dieses grauenhafte Gefühl eines Verlustes, eines versäumten Gewinnes, eines mißglückten Ereignisses? Sicher, ich werde sehen, wie die Zauberer ihren Ritus vollziehen; doch inwiefern würde mir dieser Ritus nützen? Ich werde se-hen. Ich werde belohnt werden für diese große Geduld, in der ich mich bis jetzt durch nichts hatte abschrecken lassen. Nichts: weder durch den entsetzlichen Weg, noch durch die Reise mit einem klugen, aber verstimmten Körper, den man mitschleifen muß..noch durch diese lange, von Krämpfen durchzogene Nacht, in der ich gesehen hatte, wie ein junger Indianer, der träumte, sich mit einer Art feindseliger Besessenheit genau an den Stellen kratzte, wo diese Krämpfe durch mich hindurchgingen.

Diese Bilder, diese Bewegungen..diese Riten, diese Musik, diese verstümmelten Melodien, diese unvermittelt abbrechenden Dialoge werden, soweit das geht, sorgfältig in Worten notiert und beschrieben werden. …Das Prinzip ist, zu einer Notation und Chiffrierung dessen zu gelangen, was nicht mit Worten zu be-schreiben ist.

Sie hatten mich hingelegt, unmittelbar auf die Erde, am Fuß des riesigen Balkens, auf welchen sich die Zauberer zwischen den einzelnen Tänzen nieder-ließen. Hingelegt, damit der Ritus auf mich falle, damit das Feuer, die Gesänge, die Schreie, der Tanz und sogar die Nacht wie ein beseeltes menschliches Gewölbe über mir lebendig würden. Da war also…diese stoffliche Anordnung von Schreien, Akzenten, Schritten, Gesängen. Doch darüber hinaus, über alles hinaus immer wieder dieser Eindruck, daß sich hinter all dem noch etwas an-deres verbarg, mehr als all das und etwas jenseits davon: die Hauptsache.

In einer Reihe stehend und schräg gegen die Wand gelehnt..stoßen ein paar junge Männer ab und zu einen eisigen Schrei aus..Sie stoßen diesen Schrei nicht ununterbrochen, sondern in gewissen Abständen aus; er geht von Mund zu Mund wie eine menschliche Tonleiter, die …etwas von einer Anrufung hat.

Sicher, ich habe mich nicht sofort in all dem zurechtgefunden und habe eine gewisse Zeit gebraucht, um es zu verstehen, und manche Tanzgebärde, Haltung oder Figur, die die Priester in die Luft zeichnen, als ob sie sie dem Schatten auf-zwängen oder aus den Höhlen der Nacht hervorholten, verstehen sie selbst nicht mehr, sondern gehorchen ..nur noch einer Art körperlicher Tradition..um nach durchdachten Methoden in Trance zu kommen. Ich meine damit, daß sie es wie eine Art Lektion wiederholen, der ihre Muskeln gehorchen, die sie aber, wie schon ihre Väter oder die Väter ihrer Väter, nicht mehr verstehen, sobald ihre Nerven entspannt sind.

Doch dahin kommt man nur, wenn man durch Zerrissenheit und Angst hin-durchgegangen ist, und danach hat man das Gefühl, man sei gleichsam vom an-dern Ufer der Dinge zurückgekehrt und zurückgeflutet, und man versteht die Welt, die man verlassen hat, nicht mehr. Ich sage: zurückgeflutet vom andern Ufer der Dinge und als wenn einem eine schreckliche Kraft gewährt hätte, wie-der an das heimzufallen, was am andern Ufer ist. Man spürt den Körper nicht mehr, den man gerade verlassen hat und der einem in seiner Begrenzheit Sicherheit gab, dafür ist das Glücksgefühl, dem Unbegrenzten anzugehören, viel stärker als wenn man sich selbst gehört, denn man begreift, daß das, was das Selbst war, aus dem Kopf dieses Unbegrenzten, des Unendlichen stammt, und daß man es bald erblicken wird. Man fühlt sich wie in einer brausenden Woge, von der ununterbrochen nach allen Seiten ein Prasseln ausgeht. Dinge …lösen sich unausgesetzt ab und platzen in dieser Athmosphäre zwischen Gas und Wasser, die die Dinge offenbar an sich zieht und ihnen befiehlt, sich zu sam-meln..

Diese Zeichen gibt die Natur mit beharrlicher, mathematischer Strenge in den Formen ihrer Felsen wieder, als ob sie dem immer verzweifelteren Ruf der Menschen antworten möchte.

Mir war, als ob da überall eine Geschichte von Geburt im Krieg geschrieben stände… Keine Form, die unversehrt gewesen wäre, kein Körper, der nicht frische Spuren eines Gemetzels aufwies, keine Gruppe, deren trennenden Hader ich nicht entziffern mußte.

Ich habe Menschen wiedergefunden, die im Stein versunken, halb von ihm auf-gezehrt waren, und weiter oben im Fels andere Menschen, die sich bemühten, sie hinunterzustoßen.

Denn von soweit hergekommen sein, endlich an der Schwelle einer Begegnung und vor dieser Landschaft stehen, von der ich so viele Offenbarungen erwartete, und mich so verloren fühlen… Es war wirklich eine Willensanstrenung nötig, damit ich glauben konnte, irgendetwas werde sich ereignen. Und warum das al-les? Wegen eines Tanzes, wegen eines Ritus ausgestorbener Indianer, die … uns auf unsere Fragen mit Geschichten antworten, deren Zusammenhang und Geheimnis ihnen abhanden gekommen sind.

Und ich hörte auf eine Entfernung von 2 oder 3 Kilometern etwas wie Tam-Tam Geräusche. Aber kein beruhigendes Tam-Tam wie auf Ausstellungen oder Jahrmärkten…sondern ein trockenes, dürres Tam-.Tam, dessen Ton sich noch lange, nachdem der Schlag verebbt war, in die Luft zu schrauben und zu verknoten schien wie eine Schlange. Eine Art Geräusch wie ausgeglühte Kohle, die an¬schwillt und zerbröckelt.

Nach Strapazen, die so grausam waren, daß ich …wirklich annehmen mußte, daß man mich verzaubert hat und daß diese Zersetzung und diese Erdumwälzung, Schranken, die spürbar in mir angewachsen waren, auf einem ausgeklügelten, verabredeten Plan beruhten, nach diesen Strapazen hatte ich eine der letzten Stellen auf der Erde erreicht, wo es den Tanz der Heilung durch Peyote noch gibt, jedenfalls die Stelle, wo er erfunden worden ist. Und was nur, welche falsche Vorahnung, welche trügerische, erlogene Eingebung veranlaßte mich, davon irgendeine Art von Befreiung meines Körpers zu erhoffen und auch, und vor allem, eine Kraft, eine Erleuchtung, die die ganze Weite meiner inneren Landschaft hatte, welche gerade in diesem Augenblick, ich spürte es, außerhalb aller Dimensionen lag?

Das war der Sinn des Theaters, das war der Sinn der gewaltigen sakralen Feste mit ihren funkelnden, tönenden Rufen, ihrem rhythmischen Wiederholen von Bildern, die ins Unbewußte des Menschen tauchen.

Der Geist der Menschenmenge, der Atem der Begebenheiten wird sich in stofflichen Wellen auf das Schauspiel übertragen und hie und da gewisse Kraftlinien bilden und in diesen Wellen wird das verwundete, aufsässige oder verzweifelte Bewußtsein einiger weniger treiben wie ein Strohhalm.

Der Tänzer tritt hinein und wieder hinaus, verläßt den Kreis nicht. Er rückt ent-schlossen ins Übel vor, er stürzt sich hinein mit einer Art grässlichem Mut, in einem Rhythmus, der mehr als den Tanz – der die Krankheit wiederzugeben scheint. Und man hat den Eindruck, daß er abwechselnd aus einer Bewegung, die irgendwelche dunklen Verlockungen beschwört, auftaucht und wieder in ihr verschwindet. Er tritt hinein und wieder heraus: heraustreten ans Tageslicht. Denn dieser Vorstoß in die Krankheit ist eine Reise, ein Hinabsteigen um wieder ins Tageslicht herauszutreten.

Doch wie nachdrücklich wir auch Magie fordern, im Grunde haben wir Angst vor einem Leben, das sich ganz und gar im Zeichen echter Magie abspielen würde.

Nie würde ein Europäer auf den Gedanken verfallen, daß das, was er körperlich spürt und wahrgenommen hat, daß die Empfindung, die ihn erschüttert, daß die seltsame Idee, die ihm gerade gekommen ist und deren Schönheit ihn hinge-rissen hat, nicht seine eigne gewesen sei und daß ein anderer all das in seinem eigenen Körper gespürt und erlebt habe, sonst hätte er das Gefühl, er sei ver-rückt, und man wäre versucht, von ihm zu sagen, er sei irre geworden.

Ich weiß, daß das Leben der Indianer dem Geschmack der heutigen Welt nicht entspricht; doch wir können angesichts einer solchen Rasse einen Vergleich ziehen, der zeigt, daß gerade das moderne Leben in gewisser Hinsicht in Rückstand ist – nicht die Tarahumara-Indianer in bezug auf die Gegenwart.

Das ganze Leben der Tarahumaras dreht sich um den erotischen Peyote-Ritus. Die Peyote-Wurzel ist hermaphroditisch. Sie hat bekanntlich die Form eines sowohl männlichen wie weiblichen Geschlechts. Auf diesem Ritus beruht das ganze Geheimnis dieser wilden Indianer. Seine Kraft wird, wie mir schien, durch eine Raspel symbolisiert, eine Art krummgebogenes, mit Kerben bedeck-tes Holz, aus welchem die Peyote-Zauberer mit Stäbchen ganze Nächte lang ein rhythmisches Schnarren hervorlocken.

Der Heiler Severico, Enkel des Schamanen Glorio, im Tal von Ocochichi. Hier hat der Führer Don Lupe Artaud zurückgelassen. Der Beginn einer neuen Reise.

Seit Beginn der Zeit ist er dort
der Peyote
und wir gehen seitdem viele Male
auf unseren großen Berg
wo Peyote wächst
weit in der Ferne
Peyote ist der unsrige
wir sind es, die durch ihn weiter leben
indem wir ihn von weit her zu uns in die Berge bringen
Also genauer gesagt,
der Peyoteheiler macht es seit Anbeginn
er trinkt den Peyote
er, unser Priester,
macht es auf seine Weise
er trinkt für uns den Peyote
und arbeitet seit Anbeginn für uns.
Er ist sehr mit uns verbunden
und das seit langem schon
er holt für uns den Peyote
– das sagt Gott, der große Priester.
Er, der Heiler, nimmt mit uns die Frucht des Peyote
seit langem schon
weil es so geschrieben steht.
Die Seele wird immer wieder erneuert
weil der Kopf es so will,
daß es so sei,
daß wir uns rituell bewegen
viele von uns
es auf die Spitze bringen
mit unserem Peyoteheiler
den Glauben erneuern
den Glauben der Mestizen erneuern,
indem der Heiler für uns arbeitet
und die Riten begeht –
so ist es immer gewesen.

So leben wir seit Anbeginn
in ritueller Weise
Viele von uns gehen so hinauf
seit Alters her
in den Himmel
Aber die Mestizen
stehlen uns den Peyote
weshalb wir sterben
Ehefrau und Ehemann
Es ist immer gut gewesen
ein Leben im Ritus zu führen –
so sagt es Gott dort oben
– um anzukommen im Himmel
wenn das Leben zuende ist
um friedlich im Himmel anzukommen!
Dieser Peyote unser
er läßt uns leben.
uns die Riten begehen
Immer bewegen wir uns rituell und danken
einfache Menschen und Priester in gleicher Weise.
So ist es
so werden die Peyoteheiler,
nachdem sie ihr Leben beendet haben
dort oben ankommen
und weiter leben
Dann werden sie zuhause sein
Maisbier trinken
friedlich
blühend
rituell arbeitend
So ist es immer gewesen

Und ich sah, hoch überm Dorf eine Art riesigen phallischen Zahn mit drei Steinen auf der Spitze und vier Löchern in der Außenfläche; und ich sah alle diese Formen ihrem Prinzip gemäß allmählich in Realität übergehen.

Ich habe im Gebirge einen nackten Menschen gesehen, der sich aus einem großen Fenster lehnte. Sein Kopf war nur ein großes Loch, etwas wie ein kreis-förmiger Hohlraum, in dem abwechselnd und je nach der Tageszeit die Sonne oder der Mond erschien…Ich habe die Gestalt des Todes gesehen, wie aus den Felsen rundherum herausgeschnitten.

Wahres Theater ist wie die Kultur nie etwas Schriftliches gewesen. Das Theater ist eine Kunst des Raumes und indem es auf den vier Punkten des Raumes lastet, wagt es die Berührung mit dem Leben. In einem vom Theater besessenen Raum finden die Dinge zu ihrer Gestalt, und unter der Gestalt zum Geräusch des Lebens….Und diese Sprache des Raumes wirkt ihrerseits auf die Sensibiltät der Nerven ein, sie läßt die Landschaft reifen, die sich unter ihr entfaltet hat. Indem es den Raum ausfüllt, treibt es das Leben in die Enge und zwingt es, aus seinen Schlupfwinkeln hervorzukommen.

Und plötzlich, als ich mich umdrehte, bis zum letzten Augenblick in Zweifel, ob meine Zauberer eintreffen würden, sah ich sie, auf gewaltige Stöcke gestützt, aus dem Gebirge heruntersteigen, und die Gehilfen, bewehrt mit Kreuzen, die nach allen Seiten wie Rutenbündel oder Bäume aufragten, und Spiegel, die wie Himmelsplitter in diesem ganzen Pomp aus Kreuzen, Spießen, Schaufeln und entästeten Baumstämmen funkelten.

Holzfeuer loderten rundum zum Himmel empor. Unten hatten die Tänze schon begonnen; und ich fühlte angesichts dieser Pracht, die endlich Wirklichkeit ge-worden war, dieser phantastischen Pracht, strahlend wie Stimmen in einem er-leuchteten, unterirdischen Raum, daß meine Mühe nicht umsonst gewesen war. Dort oben, an den Abhängen des mächtigen Gebirges…,hatte man einen Kreis auf der Erde gezogen. Schon brauten die Frauen, vor ihren Steinreiben knieend, mit einer Art gewissenhafter Brutalität den Peyote. Die Gehilfen machten sich daran, den Kreis festzustampfen. ..; und in der Mitte des Kreises zündeten sie einen Holzstoß an, in den von oben der Wind hineinfuhr mit seinen Wirbeln.

Im Kreis dieses Tanzes liegt eine Geschichte der Welt beschlossen, zwischen zwei Sonnen, derjenigen, die untergeht, und derjenigen, die aufgeht. Und wenn die Sonne untergeht, treten die Zauberer in den Kreis, und der Tänzer mit den sechshundert Glöckchen stößt im Wald seinen Coyoteschrei aus.

Zwischen den einzelnen Phasen haben die Zauberer Wert darauf gelegt, den körperlichen Beweis dieses Ritus, der Wirksamkeit des Verfahrens zu erbringen. Da stehen sie feierlich, rituell, priesterlich in einer Reihe, auf ihrem Balken und wiegen ihre Raspel wie ein Kind. Welche Idee eines vergessenen Zeremoniells verleiht ihnen das Gespür für diese Verbeugungen, diese Bücklinge, diesen Rundgang, bei dem sie ihre Schritte zählen, sich angesichts des Feuers bekreu-zigen, sich gegenseitig grüßen und heraustreten.

Denn als die zwölf Phasen des Tanzes geschlossen waren und die Morgenröte anbrach, reichte man uns den zerstoßenen Peyote, der wie eine Art dünne Schlammbrühe aussah; und vor jedem wurde ein neues Loch gegraben, das den Auswurf unserer Münder aufnehmen sollte, die jetzt heilig geworden waren, weil Peyote durch sie hindurchgegangen war.

Nachdem ich ausgespukt hatte, brach ich vor Müdigkeit zusammen. Der Tänzer ging ununterbrochen vor mir auf und ab, drehte sich und schrie rein zum Spaß, weil er gemerkt hatte, daß mir sein Schrei gefiel…Taumelnd wurde ich zu den Kreuzen geführt, zum Zweck der endgültigen Heilung, bei der die Zauberer die Raspel auf dem Kopf des Kranken selbst vibrieren lassen. Dann nahm ich am Ritus des Wassers, der Schläge auf den Schädel, an dieser wechselseitigen Heilung teil, die man sich mitteilt, und an unmäßigen Waschungen.

Ich hatte wenige Anlagen, die Sonne zu begreifen…bevor man zum Einfachen des Einen zurückkehrt, welches der Peyote-Ritus oder die Sonne ist, um sich dann aufzulösen und kraft dieses geheimnisvollen Vorgangs wiederaufzuerstehen. Ich sage kraft einer rätselhaften Reassimilation, die zu Peyote als einem Mythos des Wiederbeginns gehört, dann kraft der Vernichtung und schließlich der Auflösung im Sieb der letzten Enteignung, wie ihre Priester bei ihrem Tanz der ganzen Nacht fortwährend schreien und versichern.

Mürbe, das war ich, nicht teilweise, sondern insgesamt. Seit ich zum erstenmal in Berührung gekommen war mit diesem furchtbaren Gebirge, das Schranken aufgebaut hatte vor mir, davon bin ich überzeugt, weil es mich nicht hereinlas-sen wollte. Und mir erscheint das Übernatürliche, seit ich dort oben gewesen bin, nicht mehr als etwas so Außerordentliches.

Damit, das wußte ich, war das Geschick meines Körpers unwiderruflich ver-knüpft. Ich war auf alle Brandmale gefaßt und wartete darauf, daß die Verbrennung ihren Anfang nehme, ein Feuer vor Augen, das bald überall sein wird.

Denn die Seele geht vom Tag zur Nacht, wie die Erde; nur die Sonne geht von Licht zu Licht; für sie gibt es einzig den Tag, und die Nacht ist ihr immer fern. Doch wer sagt nachts es gebe keine Sonne? Wer sagt, wenn Wolken den Himmel bedecken, eine Sonne hätte sie nie überragt? Gerade das aber sagen die Menschen heute von jemandem, den ich so wirklich gesehen habe, wie ich die Sonne sehe; und auch an Regentagen zweifle ich nicht daran.

Nach seiner Rückkehr schrieb Artaud an einen Freund, dem er seine Aufzeichnungen über die Tarahumara-Indianer anvertraut hatte: „Ich halte diese Textauszüge für einen wichtigen Auftakt zu einer Aktion…einen Durchbruch zu etwas Neuem.“ – Das war nur wenige Monate vor seiner Einlieferung in psychiatrische Anstalten, die er bis kurz vor seinem Tod nicht mehr verlassen wird.