Kurze Schatten Expose

Die Suche nach den Quellen des Nil hatte Mitte des 19. Jahrhunderts ganz Europa in Erregung versetzt und vor allem englische Militärs bewogen, sich schwer bewaffnet durch unbekanntes Land und eigenwillige Kulturen auf den Weg zu machen. Zum Mythos der Eroberung gehören allerdings auch jene unerschütterlichen Forschungsreisenden, die das Unbekannte vermaßen und hoch motiviert einen Platz in den Annalen der Wissenschaftsgeschichte zu finden suchten. Von der Hansestadt Hamburg aus waren schon eine ganze Reihe bekannter Forscher wie Heinrich Barth nach Afrika aufgebrochen. Im Versuch, die letzten weißen Flecken auf der Landkarte zu tilgen, waren ihre Chancen, in der Fremde etwas von den Menschen und ihrer Kultur zu begreifen, oder auch nur zu überleben, nicht sehr groß.

Seit seinen Schülertagen am hamburger Johanneum war Albrecht Roscher entschlossen, sich an der Erforschung des Kontinents zu beteiligen. Seine Abitursarbeit war dem Niger gewidmet. Dann studiert er Geografie und Medizin und lernt arabisch. In tagelangen Gewaltmärschen bereitet er sich physisch auf das große Abenteuer vor. Schließlich fährt Albrecht Roscher 1858 mit einem Schiff der Gewürzfirma Oswald von Hamburg nach Sansibar. Gerade hat er seine Doktorarbeit über die Karte des Ptolemäus und die Entdeckung der Nilquellen abgegeben und will nun die dort entwickelten Thesen zur Lage der Nilquellen empirisch begründen. Große Hoffnungen hatten den jungen Wissenschaftler nach Ostafrika begleitet, er könne der bedeutsamste deutsche Afrikaforscher werden. “Ich verweigere für mein Unternehmen nicht, alles aufs Spiel zu setzen.”

Das Innere Afrikas war gänzlich unerforscht, lediglich an der Küste gab es einige Missionsstationen. Von dem deutschen Missionar Rebmann erfuhr Roscher von einem alten Karawanenweg, der zu geheimnisvollen großen Seen führen sollte.

Arabischen Sklavenhändlern hätten diesen Weg seit Jahrhunderten begangen. Albrecht Roscher bricht nun, von zwei Dienern begleitet und als Araber verkleidet, im Gefolge einer solchen Sklaven-Karawane zum Njassa-See auf. Nur unter größten Kraftanstrengungen konnte der schon Malariakranke seine Reise und auch seine wissenschaftlichen Untersuchungen fortsetzen. “Mir geht’s schon länger ziemlich schlecht und ich werde die ganze Zeit in der Hängematte durchs Land getragen.” Als er als erster Weißer am Njassa-See ankommt und sich etwas erholt, rückt auch das Schicksal der Bevölkerung ihm etwas näher. “Es gab eine fürchterliche Hungersnot, große Gebiete sind aufgrund der Sklavenkriege verwüstet.”

Nach einigen Monaten erholt sich Roscher jedoch und erwägt, nach dem die Kunde von großen Flüssen auf der anderen Seite des Sees ihn erreicht hatte, als Erster den Kontinent von Ost nach West zu durchqueren. “Das ganze Innere Afrikas steht mir offen und ich werde mich auf den Weg machen, wohin auch immer. Augenblicks gibt es wegen des Krieges Mangel an allem, aber dennoch kenne ich kein schöneres Land als dieses hier.” Mit seinen beiden Dienern geht er einige Tagesreisen zurück, um deponierte Tauschwaren und Proviant nachzuholen. In dem kleinen Weiler Kisunguni töten ihn mehrere Pfeile. Eine Strafexpedition des Sultans von Sansibar hat dann einige Verhaftungen vorgenommen, von Roscher selbst und seinen Hinterlassenschaften aber fand sich keine Spur.

Hintergrund

Als Hintermänner des Mordes wurden schnell die Clans der suaheli-arabischen Sklavenhändler verdächtigt, deren Macht der westlichen Expansion im Wege stand. Die naheliegende These aber, die Afrikaner selbst hätten sich des Eindringlings im Klima tiefer Feindseligkeit entledigt, hätte die Legitimität europäischer Expeditionen prinzipiell in Zweifel ziehen können. Dabei berichten alle frühen Forscher von feindlichen Demonstrationen, vielfältigen Befürchtungen der Eingeborenen, Panik und Opferungen gegen das Eindringen der Weißen. “Das Gefühl fortwährend auf Feinde zu stoßen, jeden Augenblick darauf gefaßt sein zu müssen, aus dem nächsten Uferdickicht von unsichtbarer Hand Pfeile zugesandt zu bekommen, erhält uns in fortwährender Spannung.”

Der Geheimbund

Im ganzen ostafrikanischen Raum gibt es seit Jahrhunderten den Geheim- und Maskenbund Nyau, den der österreichische Ethnologe Gerhard Kubik in den vergangenen Jahrzehnten erforscht hat. In meist nächtlichen Ritualen, die mehrere Tage andauern können, mobilisieren die wild verkleideten Maskenfiguren die Kräfte des Dschungels gegen das Fremde. In die Schreckensauftritte sind auch (ähnlich wie in Jean Rouchs “Maîtres fous”) Symbolfiguren der Eindringlinge aus dem Westen (der Forscher, der Soldat, der Politiker) integriert. Dieser Geheimbund führt auch die Initiation von Jugendlichen durch und tritt als verdeckte politische Kraft der Stammeskultur auf. Die hohe Maskenkultur Ostafrikas wie ihre bedeutsame Theatertradition beziehen sich auf seine Aktivitäten.

Bis heute steht der Nyau-Geheimbund für das kulturelle Klima, in dem sich die Stammeskulturen gegen die Invasion fremder Mächte wehren. Diese autonome Kultur ist – dramaturgisch gesprochen – die Gegenkraft, auf die der wissenschafts-bornierte Forscher stößt, womöglich ohne sie in ihrer umfassenden Präsenz überhaupt zu erkennen. Es waren dann gerade diese Geheimbünde, die von den christlichen Kirchen als die dunklen Kräfte des Urwald denunziert und weiter ins Abseits gedrängt worden sind. Gerade um den Nyassa-See aber hat sich der Kult jedoch weitläufig erhalten und es ist nicht ausgeschlossen, Maskenauftritte filmen zu können. Bisher sind die geheimnisvollen Rituale aber nur von Kubik gefilmt worden – selbst seine Publikationen sind verdeckt geschrieben.

Die Filmform

Die Struktur des Films wäre ist also kontrapunktisch aufgebaut, hier der Weg des jungen westlichen Forschers auf seiner Karawanenstraße, dort hinter den Bildern des Unbekannten der zähe kulturelle Widerstand, den ein Kontinent den europäischen Durchdringungsversuchen entgegensetzt hat. Der Karawanenweg, der seit Jahrtausenden besteht, erstreckt sich von Kilwa am Indischen Ozean mit seiner Trockenwald bis an das Ostufer des Nyassa-Sees in tausend Kilometer Entfernung – in tropischer Vegetation. Die genaue filmische Rekonstruktion dieses Wegs erfolgt in erzählerischer Nähe zum Protagonisten, dessenTexte zugeordnet sind. Der Einfallsschneise stehen wie ein Albtraum die Bilder des Unbekannten gegenüber: Details der Landschaft, der Tierwelt, die bedrohliche Nähe der tausendköpfigen Karawane. Überall lauern die Zeichen einer widerständigen Kultur, Rituale, Performances, all das, was vor 150 Jahren kaum begreifbar war und immer noch nachwirkt – und den Blick über das Schicksal des Forschers auf einen größeren Konflikt öffnet.

Die Recherche

Von Vorteil ist, daß in Daressalam (das Albrecht Roscher damals “entdeckt” hat) eine TV Produktionsfirma existiert, deren Leiter in Hamburg Film studiert hat und auf deren Hilfe und Infrastruktur man zählen kann. Unterstützung ist auch vom deutschen Botschafter zu erwarten, der gerade in Sansibar das “Roscherhaus” eingeweiht hat. Der Recherche zugute kommen neben den Schriften von Albrecht Roscher selbst (seine wissentschaftliche Arbeiten, seine Doktorarbeit, seine Briefe), die Publikation seines Bruders Heinrich Roscher (1911), des späteren hamburger Senators, über ihn. Vor zwanzig Jahren hat Karl Wand, der frühere deutschen Botschafter in Malawi, ein Buch über Roscher geschrieben und gerade jetzt ist das exzellente “The killing of Dr. Albrecht Roscher” von W. Heldring in England erschienen. In diesem Kontext ist auch das neue Buch von Johannes Fabian “Im Tropenfieber” relevant (das den Untertitel “Wissenschaft und Wahn in der Erforschung Zentralafrikas” trägt). Natürlich gibt es aus dieser frühen Zeit kaum Fotografien, die ersten relativ zahlreichen Archivfilme erst aus der deutschen Kolonialzeit, darunter auch einige Nyau-Maskentänze, aus denen eine eigene, bearbeitete Filmebene entwickelt werden kann. Das erwähnte Filmmaterial von Kubik befindet sich im Völkerkunde-Museum in Berlin. Neben Kubik selbst kommt noch der Nestor der tansanischen Ethnografie Wemba-Raschid, selbst aus Südtansania gebürtig, als Berater infrage.

Der Arbeitstitel “Kurze Schatten”

soll den Blick freigeben auf einen so ergeizigen wie jungen Forscher, dem in diesem Licht jedoch nur wenig Zeit geblieben ist. Auch verweist er auf die Örtlichkeit des Geschehens, wo direkt unter dem Äquator die harte und unerbittliche Sonne kaum Schatten wirft.

Post scriptum:

Es gibt eine verwandtschaftliche Beziehung zwischen dem Autor und dem Forscher Roscher, die aber nicht weiter recherchiert ist. Natürlich hat die Namensgleichheit und die daraus folgende jahrelange Kenntnis Bedeutung.

Texte A. Roscher
“Nichts ist imstande, den Menschen so gründlich zu ruinieren wie Unruhe, und es findet dies namentlich auf Entdeckungsreisende seine Anwendung, welche alles am Ende ertragen lernen, aber durch das ewige Gefühl der Unruhe aufgerieben werden,” hatte Albrecht Roscher 1858 in Sansibar geschrieben.

“Gleichwohl wünsche auch ich weiter in´s Innere einzudringen, und hoffe sogar Gelegenheit zu haben, dort die Richtigkeit meiner Ansichten über die Karte des Ptolemäus factisch zu erweisen. Es ist meine Absicht, eine größere Expedition ins Innere zu unternehmen. Dieselbe würde große Aussicht auf Erfolge haben, da das Reisen desto leichter wird, je weiter man sich von der Küste entfernt; auch scheint von Sansibar aus zum Nyassa-See hin ein vielbenutzte Straße vorhanden zu sein. Das innere Afrikas, besonders dort, wo das ganze Jahr über Regen fällt, gibt Kenntnisse über die Bildung von großen Seen und mächtigen Strömen preis. Die größten Erwartungen werden nicht enttäuscht werden. Und gerade in letzter Zeit konnten wir uns davon überzeugen, daß große Expeditionen ins innere Afrikas mit geringen Mitteln durchführbar sind. Ich verweigere für mein Unternehmen nicht, Alles auf´s Spiel zu setzen.”

“Nachdem ich Kilwa sah und roch, nahm es mich nicht wunder, daß mehr als die Hälfte der Bevölkerung gerade an Cholera gestorben war. Erde und Luft waren von Gift geschwängert und die Menschen starben wie die Fliegen. Die armen Opfer wurden an den Füßen über den Strand gezogen, um ins Meer geworfen zu werden, das ölige Wasser war übersät von menschlichen Überresten.”

“Unglücklicher Weise kann ich Ihnen nicht den erhofften erfreulichen Brief schreiben. Mir geht’s schon länger ziemlich schlecht und ich werde die ganze Zeit in der Hängematte durchs Land getragen, wobei ich viel Zeit habe, über den schlechten Zustand meiner Angelegenheiten zu sinnieren. Ein wenig spät beginne ich mich etwas zu erholen und habe nun die Hoffnung, wenigstens auf dem Weg zurück etwas von dem mitzubekommen, was ich bisher versäumt habe. Wenn nicht, werden die Ergebnisse meiner Expedition sehr unbefriedigend sein. Dies ist der Nachteil, mit einer Karawane zu reisen: man muß mit der Menge mitgehen, ob man will oder nicht.”

“Der Anblick einer solchen Sklavenkarawane empört den gesitteten und fühlenden Menschen auf das äußerste: Wandelnden Gerippen gleich kommen die Unglücklichen einhergewankt, Kinder, Männer und Frauen im bunten Durcheinander, oft ohne die notdürftigste Bedeckung der Blöße. Der Ausdruck der schmutzigen Gesichter mit den tiefen, eingesunkenen Augenhöhlen, den vorstehenden Backenknochen, dem Gepräge des Hungers und Elendes ist ein wahrhaft entsetzlicher.”

“Da morgen eine Karawane zurück noch Kilwa geht, beeile ich mich Ihnen mitzuteilen, daß ich sicher am Njassa-See angelangt bin und sechs Monate bis zum Ende der Regenzeit bleiben werde. Auch wenn sich meine Gesundheit sich stetig verbessert hat, bin ich immer noch unfähig, selbst aufzustehen und bedarf permanenter Hilfe. Zugegeben: der letzte Teil unserer Reise war auch nicht sehr geeignet für die Regeneration, es gab eine fürchterliche Hungersnot und darüber hinaus mußten wir jeden Tag acht bis zehn Stunden marschieren. Hier am Njassa-See ist es besser, aber auch hier sind Lebensmittel knapp, da große Gebiete aufgrund der Sklavenkriege verwüstet sind. Der Preis für eine Kuh beträgt 5 Drls, für einen Sklaven zwischen 50 Cent und einem Dollar.”

“Der Nyassa-See ist in der Tat ein unübersehbares Meer, wie man denselben in Sansibar und Kilwa schildert. Nach dem gegenüberliegenden Ort fährt man anderthalb Tage in großen Kanots. Ich gedenke die Reise demnächst zu machen. Doch ist der See sehr flach und daher rühren die hohen Wellen zum Theil, welche außerdem noch durch heftige Winde hervorgerufen werden welche hier wenigsten jetzt herrschen.”

“Meine Angelegenheiten verbessern sich und ich bin guten Mutes. Das ganze Innere Afrikas steht mir offen und ich werde mich auf den Weg machen, wohin auch immer, wenn ich Handelsware nachbekomme. Augenblicks gibt es wegen des Krieges Mangel an allem, aber dennoch kenne ich kein schöneres Land als dieses hier am Njassa-See. … Wir sind hier auch gar so wild nicht, wie wir aussehen und leben sogar ganz gut.”

“Als ich in die Nähe des Dorfes kam”, berichtet später der Diener Roschers, “sah ich eine Menge von Eingeborenen angeführt vom Besitzer der Hütte, in der Roscher wohnte. Ich sah dann, wie mein Bruder Omar von einem Pfeil getroffen, zu Boden stürzte. Gleich danach drang jener, Mokokota genannt, gegen die Tür vor, wo mein Herr erschien und schoß ihn mit einem Pfeil in die Brust. Ein anderer Pfeil traf ihn in den Hals und er brach an der Tür zusammen. Ich war nur noch ein paar Meter entfernt, so stürzte ich zu ihm. Er stöhnte noch und verstarb. Die Leute plünderten dann schnell das Haus, ich aber, von einem Pfeil an der Hand getroffen, flüchtete und versteckte mich in einem Feld.”

“Ich habe die Ehre zu berichten”, schreibt der britische Konsul in Sansibar, “daß Dr. Albrecht Roscher am 19 März dieses Jahres im Dorfe Kisunguni, drei Tagereisen nordöstlich vom Nyassa-See, ermordet worden ist. Im Juni 1859 hatte er Sansibar verlassen, um den großen See Nyassa zu erforschen, und nachdem er sich in Kilwa einer Karawane angeschlossen hatte, brach er am 24. August aus jener Gegend auf und erreicht den See am 19. November. Er war der der erste weiße Mann, der je bis an seine Küsten gelangt ist.”

“Er erweckte die freudigste Hoffnung auf eine ruhmwürdige, großartige Exploration eines ausgedehnten Gebietes von Innerafrika. Da erliegt Roscher im Schlafe dem Pfeil eines gemeinen Mörders und alle Hoffnungen, zu denen seine Talente, seine bedeutenden Kenntnisse in den verschiedensten, für solche Reisen nützlichen Wissenschaften, seine Energie und sein Mut, seine Jugend und Körperkonstitution, wie nicht minder sein glückliches Besiegen aller Schwierigkeiten des ersten Anfangs berechtigten, werden mit einem Schlage vernichtet.” (Petermann)